Es ist später Nachmittag. Noch immer brennt die Sonne erbarmungslos vom Himmel, das Licht ist grell und aus fotografischer Sicht wenig schmeichelnd. Ein Gemisch aus Abgasen, Smog und exotischen Gewürzen erfüllt die Luft. Ich befinde mich am Straßenrand einer dicht befahrenen Hauptstraße in Bangkok-Chinatown. Vor einer Stunde hatte es kurz ergiebig geregnet, dicke Regenwolken hängen noch immer wie mächtige Wattebäusche am Himmel. Direkt vor mir läuft ein obdachloser Mann auf einen voll beladenen, massiven Metall-Handwagen zu. Mit Sicherheit ist das sein gesamtes Hab und Gut. Wo er wohl schlafen wird, denke ich mir im Stillen. Unweit davon ein Polizist, konzentriert kontrolliert er das Geschehen auf der Straße. Ich blicke durch den Sucher meiner Kamera, finde den perfekten Bildausschnitt: Klick. Zwei andere Männer beladen hastig einen Müllwagen, im Vordergrund ein sitzender, in sich gekehrter älterer Herr. Er küsst seine Hand und hält eine Konversation mit sich selbst. Es mag seltsam klingen, doch manchmal sehe ich meine Bilder in meinen Träumen und nicht selten kommen sie irgendwann zu mir. 17.30 Uhr: Ich bin müde. Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen, wanderte stattdessen mit meiner Kamera bis zum Morgengrauen im Hauptbahnhofsviertel Hua Lamphong umher. Viele der hier lebenden Obdachlosen kenne ich schon seit Jahren. Tagsüber halten sich diese Menschen überwiegend im nahegelegenen Tempel-Wat Hua Lamphong auf und bekommen dort von den Mönchen zu essen und zu trinken. Nachts wissen sie jedoch nicht, wo sie schlafen sollen und landen dann wieder am Hauptbahnhof. An anderer Stelle werde ich mit Sicherheit nochmal detaillierter über das tragische Schicksal dieser Menschen berichten.

Zurück nach Chinatown:

Nach einem kurzen Zwischenstopp beim Mini-Supermarkt 7-Eleven entscheide ich mich spontan heute lieber in den etwas abseits liegenden Gassen von Chinatown zu fotografieren. Interessante Menschen und Motive gibt es schließlich überall, oder vielleicht gerade dort. Hitzeflimmern liegt über dem noch leicht dampfenden Asphalt, eine fast surreale Atmosphäre. Ich verlasse die lebhafte Hauptstraße, schlendere mit meiner Kamera und ohne festgelegtem Ziel umher. Die extrem schwüle Luft ist kaum auszuhalten. Dann: Ein vor mir liegendes, verwahrlostes, mehrstöckiges Wohnhaus macht mich neugierig. Ich passiere einen stillgelegten Parkplatz und erreiche kurz darauf den Eingang zum Inneren des Gebäudes. Ein glitschiger, unebener Weg leitet mich direkt zu einem alten Fisch- und Gemüsemarkt. Es herrscht reges Treiben, überall Händler die teils mit einem Megaphon lautstark ihre Waren anpreisen. Ich mische mich unter die zahlreichen Menschen, falle mit meiner Kamera in dem Getümmel allerdings kaum auf und finde meine Bilder. Ein wie tot wirkender, schlafender Hund liegt vor meinen Füßen … das Chaos und der Lärm scheinen ihn allerdings nicht im Geringsten zu stören. Das perfekte Unperfekte!

Über eine alte, massive Holztür gelange ich etwa dreißig Minuten später wieder nach draußen. Letzte grelle Sonnenstrahlen zwängen sich durch die engen Gassen einer einsam gelegenen Seitenstraße. Es ist still. Mein Blick wandert an einer verwitterten Hauswand entlang und erfasst plötzlich einen alten Mann. Bewegungslos sitzt er auf dem heißen Steinboden, unmittelbar neben einer mit alten Kacheln verzierten Hauswand. Langsam bewege ich mich auf ihn zu und sehe, dass seine Augen geschlossen sind. Ob er wohl schläft? Außer einer verschmutzen kurzen Sommerhose trägt er nichts am Leib, sein Körper wirkt ausgemerkelt, die Haut hat einen matten, gedämpften Glanz, schimmert wie Pergament. Auf der Brust prangt eine mittlerweile fast verblichene Tätowierung zweier ausgebreiteter Flügel. Als ich fast vor ihm stehe, öffnet er seine Augen, blickt auf und sieht mich an. „Wie heißen Sie?“, frage ich den Mann. Er versucht zu antworten, doch kein Laut kommt über seine Lippen. Ich nicke, gehe vor ihm in die Hocke und deute auf meine Kamera. Ob ich ihn fotografieren darf? Ohne zu zögern sieht er mir tief in die Augen und schenkt mir im nächsten Moment das schönste Lächeln, das ich seit langem gesehen habe. Ein spontaner, ungekünstelter Moment voller Wahrheit, welchen man selbst erlebt haben muss, um die Bedeutung zu verstehen. Warum er auf der Straße lebt, werde ich niemals erfahren. Genausowenig, wie seinen Namen. Deshalb nenne ich ihn spontan „YIM CHAK JAI“ – Der stumme Mann, der mir sein schönstes Lächeln schenkte.
In den folgenden Wochen treffe ich ihn noch mehrmals an jeweils unterschiedlichen Orten in Chinatown, doch dann war er plötzlich verschwunden. Viel Glück „YIM CHAK JAI“. Ich werde Dich nie vergessen und hoffe, es geht Dir gut.